Transformation der globalen Landwirtschaft

Posted by on Aug 10, 2016 in BLOG
Transformation der globalen Landwirtschaft

Von Tim Rademacher, Cluster Transformation

Ausgangsituation

Die aktuelle Weltbevölkerung beträgt etwa 7,4 Milliarden Menschen und wächst stetig.  Eines der Menschenrechte ist das Recht auf ausreichende und angemessene Ernährung. Dieses unabdingbare Recht kann schon heute nicht für alle eingehalten werden. Zu dem Bevölkerungszuwachs in der nächsten Jahrzehnten und dem einhergehenden Nachfragezuwachs an Nahrungsmitteln kommt noch sich wandelndes Konsumverhalten dazu. Der Appetit für Fleisch wächst weltweit und insbesondere in Schwellenländern mit wachsenden Mittelklassen. Fleischproduktion benötigt mehr Ressourcen und hat generell einen höheren Umweltfußabdruck als pflanzliche Produckte. In den nächsten Jahrzehnten werden sich also die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen und die Ressourcennutzung durch die Landwirtschaft  erhöhen.

Umwelteinflüsse von landwirtschaftlicher Produktion und planetare Grenzen

Allerdings benötigt der landwirtschaftliche Sektor schon heutzutage viele Ressourcen. Mehr als 15 Prozent der gesamten Landfläche wird für intensive Agrarwirtschaft benutzt. Enorme Mengen von Wasser werden zur Bewässerung weltweit eingesetzt, was gerade während Dürren wie im Moment in Kalifornien diese Ressource Wasser noch knapper macht und für die Zukunft ein großes Konfliktpotenzial verspricht. Des Weiteren verursachen Düngemittel weltweit die Eutrophierung von Gewässern und haben weitere Konsequenzen auf angrenzende Ökosysteme. Pestizide werden mit dem Rückgang von Bienenbevölkerungen in Verbindung gebracht. Der landwirtschaftliche Sektor ist für fast 20 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich, selbst in Berechnungen, die Landnutzungsänderungen nicht berücksichtigen.  Die Menschheit eignet sich fast die Hälfte aller durch Photosynthese gebundenen Energie an. Um die Weltbevölkerung im 21. Jahrhundert zu ernähren, muss die Nahrungsmittelproduktion ausgeweitet werden und gleichzeitig der relative und absolute Einfluss auf die  Umwelt verkleinert werden. Biologisch angebaute Lebensmittel haben einen geringeren Einfluss auf die Umwelt, aber häufig auch geringer Erträge. Ob ‚Bio’ eine wachsende Weltbevölkerung ernähren kann, ist eine komplexe Frage, die im Moment aber nicht mal wirklich gestellt wird.

Unabhängig, ob man biologischen Anbau bevorzugt, bleibt auch noch die Frage, ob wir eigene Flächen für intensive Landwirtschaft und Naturschutz bereitstellen oder versuchen, Landwirtschaft und Naturschutz in derselben Landschaft zu integrieren. Es gibt schlüssige Argumente für beide Ansätze und die ideale Lösung liegt wahrscheinlich, wie so oft, irgendwo dazwischen. Aber die Frage wird wieder einmal nur isoliert und nicht im globalen Kontext gestellt.

Probleme der Vielschichtigkeit

Fragestellungen rundum die Landwirtschaft sind komplex, weil sie durch Natur, Wirtschaft und Soziales vielschichtig beeinflusst werden. Selbst wenn es heutzutage oder in der Zukunft genügend Nahrungsmittel gäbe, heißt es noch lange nicht, dass damit alle Probleme beseitigt wären. Laut einem Bericht der Royal Society kämpft etwa eine Milliarde Menschen mit Problemen von Unterernährung, während eine weitere Milliarde Menschen unter den Folgen von Überernährung leidet. Diese Zahlen werden in der Zukunft voraussichtlich steigen. Angesichts solcher Fakten ist die Verteilung von Nahrungsmitteln ebenso wichtig wie ihr Anbau.

Darüber hinaus verkommt etwa ein Drittel aller Nahrungsmittel weltweit. In reichen Ländern sind es hauptsächlich die Endverbraucher, die Nahrungsmittel wegschmeißen, während in ärmeren Ländern die Verluste vor allem durch mangelnde Infrastruktur (zum Beispiel Verschimmeln von Getreide aufgrund mangelnder Trocknung) verursacht werden. Das Menschenrecht auf ausreichende und angemessene Ernährung wird also nicht nur verfehlt aufgrund von Produktionsmissständen, sondern auch aufgrund sozialer und wirtschaftlicher Missstände.

Seminar auf dem Campus

Diese und weitere Problematiken werde ich zusammen mit anderen StipendiatInnen der Heinrich-Böll-Stiftung auf einem Seminar im August diskutieren. Mir geht es darum diese Probleme ins Rampenlicht zu rücken und Fragen zu stellen. Jedes Mal, wenn wir Nahrungsmittel einkaufen, treffen wir Entscheidungen und unsere Entscheidungen daüber, was wir essen und wo wir es kaufen, haben Konsequenzen. Leider können wir viele dieser Konsequenzen nicht einmal abwägen, da uns die Informationen fehlen. Um die Fakten zu finden und damit informierte Entscheidungen zu treffen, müssen wir zuerst Fragen stellen und danach entsprechende Antworten suchen. Eine Transformation der Landwirtschaft im 21. Jahrhundert ist unumgehbar und wir, als Verbraucher und Wähler, haben die Chance, diese Transformation aktiv zu beeinflussen.