HaunsteinIn den vergangenen Jahren haben verschiedene Ansätze sozialen/ solidarischen Wirtschaftens an Bedeutung gewonnen, welche unter Begriffen wie Social Economy, Solidarity Economy, Social Entrepreneurship, Gemeinwesenökonomie oder auch Sozialunternehmen verhandelt werden. Dabei besteht häufig die Annahme, dass nicht zuletzt die vielschichtigen Krisenerscheinungen des globalisierten Kapitalismus sowie der schrittweise Rückzug des Sozialstaats zu deren Bedeutungsgewinn beigetragen haben. So sind zahlreiche Unternehmen entstanden, die in erster Linie auf die Behebung gesellschaftlicher Missstände bzw. die Besserstellung bestimmter sozialer Gruppen abzielen und die in Bereichen agieren, in denen weder für profit-orientierte Unternehmen (mangels Gewinnerwartung) Handlungsanreize bestehen, noch die öffentliche Hand (mangels Finanzierungsspielräumen) tätig wird. Speziell in ländlich-peripheren Räumen kommen entsprechende Krisenphänomene besonders deutlich zum Tragen, wonach sich vermehrt wirtschaftliche und öffentliche Akteure aus bestimmten Bereichen (z.B. des Nahverkehrs, der Nahversorgung) zurückziehen, was eine Verstetigung sozio-ökonomischer Abwärtsspiralen zur Folge hat.

P1030158Allerdings besteht Grund zur Annahme, dass sich diese Abwärtsspiralen auch durchbrechen lassen – nämlich dann, wenn unternehmerisches Potential vor Ort aktiviert werden kann, welches nicht durch übergeordnete Kapitalinteressen geleitet wird, sondern vordergründig die Belange der ansässigen BewohnerInnen im Blick hat. So bestehen zahlreiche Beispiele dafür, wie sich Menschen den Herausforderungen vor Ort stellen, indem sie den negativen Auswirkungen von Peripherisierungsprozessen mittels gemeinschaftlicher/ genossenschaftlicher Lösungsansätze entgegenwirken – und somit die wirtschaftlichen Geschicke fernab von Markt und Staat selbst in die Hand nehmen. Besonders dynamisch gestalten sich diese Entwicklungen im Bereich der Lebensmittel-Nahversorgung: So sind in den vergangenen 20 Jahren hierzulande vielerorts bürgerschaftlich getragene Dorfläden gegründet worden, welche die Lebensmittelversorgung vor Ort wiederherstellen und zugleich einen wichtigen sozialen Kristallisationspunkt bilden.

Das Promotionsvorhaben widmet sich nun den Entstehungsprozessen solcher bürgerschaftlich getragenen Läden in ländlich-peripheren Räumen Deutschlands and forciert dabei folgende Fragestellungen:

• Wer sind die zentralen Akteure, die für die Gründung bürgerschaftlich getragener Dorfläden verantwortlich sind und auf welchen Motiven, Hoffnungen und Erwartungen beruht ihr Engagement?

• Welche Strategien kommen bei der Umsetzung der Ladenprojekte zum Tragen und welche Ressourcen werden hierfür auf lokaler Ebene und darüber hinaus mobilisiert?

• Welche Potentiale für eine integrierte sozial-räumliche Entwicklung gehen von solchen Formen bürgerschaftlicher Selbstorganisation aus und inwiefern resultieren daraus aber auch neue Abhängigkeitsverhältnisse und Zuschreibungen?

Diesen Fragen nimmt sich das Vorhaben mittels eines explorativen Fallstudiendesigns an.

Arbeitstitel Dissertation: Bürgerschaftlich getragene Läden der Nahversorgung als Antwort auf infrastrukturelle Peripherisierungsgsprozesse in ländlichen Räumen Deutschlands – Akteure, Mobilisierungsstrategien und Potentiale

BetreuungProf. Dr. Sebastian Lentz

Institutionelle AnbindungLeibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig

Kurzvita

Seit 10/2015: Promotionsstipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung im Forschungscluster „Die große Transformation“, Gastwissenschaftler am Leibniz-Institut für Länderkunde, Doktorand am Institut für Geographie der Universität Leipzig

08/2013 – 07/2015: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Länderkunde, Abteilung Regionale Geographie Europas, Leipzig

10/2005 – 12/2012: Studium der Geographie (Schwerpunkt Humangeographie) mit den Nebenfächern Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Abschluss Diplom); Titel der Diplomarbeit: „Wohnstandortentscheidungen in städtischen Agglomerationsräumen. Eine vergleichende Untersuchung in der Region Leipzig-Halle.“

Mitgliedschaften und Netzwerke

Transformationscluster der Heinrich-Böll-Stiftung

Raumwissenschaftliches Netzwerk 5R der Leibniz-Gemeinschaft

Junges Forum der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL)

AK Kritische Geographie Leipzig

Forschungsinteressen

Soziale und Solidarische Ökonomie, Community Enterprises, Daseinsvorsorge und bürgerschaftliches Engagement in ländlichen Räumen, Stadt- und Regionalentwicklung, Dimensionen räumlicher Peripherisierung

Publikationen

Lang, Thilo / Haunstein, Stefan (2017):Wachsende regionale Polarisierung in Europa. In: Nationalatlas aktuell 11 – 8 (27.09.2017). Link

Haunstein, Stefan / Thürling, Marleen (2017): Aktueller Gründungsboom – Genossenschaften liegen im Trend. In: Nationalatlas aktuell 11- 2 (28.02.2017). Link

Wiegandt, Claus-Christian / Osterhage, Frank / Haunstein, Stefan (2015): Polyzentralität in Deutschland : eine vergleichende Untersuchung für drei Stadtregionen. In: Raumforschung und Raumordnung 73 (2015) 3. S. 167 – 183.

Lang, Thilo / Hämmerling, Aline / Haunstein, Stefan / Keil, Jan / Nadler, Robert / Schmidt, Anika / Smoliner, Stefanie (2014): Migrants‘ capacities and expectations: empirical results concerning return migration. In: Lang, Thilo / Nadler, Robert: Return migration to Central and Eastern Europe: transnational migrants‘ perspectives and local businesses‘ needs. Leipzig, S. 7 – 46. (= Forum IfL 23)

Nadler, Robert / Haunstein, Stefan / Lang, Thilo / Smoliner, Stefanie (2014): Companies‘ view of return migrants and foreign work experience. In: Lang, Thilo / Nadler, Robert: Return migration to Central and Eastern Europe: transnational migrants‘ perspectives and local businesses‘ needs. Leipzig, S. 47 – 84. (= Forum IfL 23)

Haunstein, Stefan / Montanari, Giulia / Wiest, Karin (2012): Wohnstandortentscheidungen in der Region Halle/Leipzig: charakteristische Standortprofile und Nachfragergruppen am Beispiel von fünf Quartieren. In: Statistischer Quartalsbericht der Stadt Leipzig 2 (2012), S. 17 – 23.

Kontakt

s_haunstein@ifl-leipzig.de