Fachkonferenz Transformationsforschung „Ist der Weg das Ziel?“ – Rückschau

Posted by on Jun 1, 2016 in BLOG, Transformationsforschung
Fachkonferenz Transformationsforschung „Ist der Weg das Ziel?“ – Rückschau

Von Sebastian Mehling, Cluster Transformation

Am 11.11.2015 trafen sich die bundesweit verstreuten und disziplinär breit aufgestellten StipendiatInnen des Clusters Transformation zusammen mit anderen WissenschaftlerInnen aus dem Umfeld der Heinrich Böll-Stiftung zur jährlichen Fachtagung in Berlin. Zusammen mit Ulla Siebert, Leiterin des Studienwerks, Jutta Helm, Referentin der Promotionsförderung, dem Nachhaltigkeitsforscher Bernd Sommer von der Universität Flensburg und Mitverfasser des wegbereitenden WBGU Gutachtens „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ und Anita Engels von der Universität Hamburg und Expertin für Green Markets, Globalisierung und Wissenssoziologie diskutierten sie den aktuellen Stand der Transformationsforschung. Die Tagung sollte einerseits resümieren, wie sich das Feld zur Transformationsforschung seit der Clustergründung 2013 weiterentwickelt hat. Anderseits sollten Zukunftsperspektiven der Transformationsforschung allgemein und ganz speziell auch des Clusters aufgezeigt werden.

Beitrag zur Transformationsforschung

In ihrer Begrüßung erinnerte Ulla Siebert an den Gründungsgedanken für das Cluster, den die Heinrich Böll-Stiftung und ihre Gründungspartner, die Mercator Stiftung, das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) und das Wuppertal Institut, gehabt hätten. Es sollte „ein Beitrag bei der Ausformulierung des multidisziplinären Forschungsfeld der Transformation“ geleistet werden. In diesem Sinne habe man in den vergangenen zwei Jahren versucht, ein breites disziplinäres Spektrum im Cluster abzubilden, das sowohl Grundlagenforschung als auch anwendungsorientierte Forschung, naturwissenschaftliche wie geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Perspektiven verbindet. Im Rahmen des Clusters sollten die NachwuchswissenschaftlerInnen mit ihren verschiedenen disziplinären Hintergründen sich vernetzen und austauschen und in gemeinsamen Workshops und Tagungen ihre Perspektiven zusammenführen können. Dieser Prozess aber, so Ulla Siebert, sei sehr herausfordernd und es sei viel darum gegangen, erst einmal eine gemeinsame Sprache zu finden, zu bestimmen, was Transformation eigentlich ist und beinhaltet. Um den transdisziplinären Dialog zu stärken, plant die Stiftung dem Cluster in Zukunft ein aktives Expertennetzwerk zur Seite stellen, das vor allem aus den PromotionsbetreuerInnen der Mitglieder bestehen soll. Zudem sollen die Kooperationspartner mehr eingebunden werden. Vielversprechend ist die Aufnahme des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) als neuen Kooperationspartner, eine gemeinsame Tagung der Doktoranden am DIW und der Cluster-Mitglieder ist bereits in Planung. Insgesamt soll so ein besserer Transfer von transformativen Wissen in das Cluster und die HBS hinein aber auch aus dem Cluster hinaus in die wissenschaftliche Praxis stattfinden.
Dr. Bernd Sommer widmete sich im Anschluss einer kritischen Reflektion zu dem WBGU Gutachten „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ von 2011, welches damals den intellektuellen Grundstein für das Cluster an der Böll gelegt hatte. Das Gutachten sei dafür kritisiert worden, einer „Ökodiktatur“, also dem unbeschränkten Gestaltungsanspruch des Staates unter dem Vorwand der Nachhaltigkeit das Wort sprechen würde. Dabei habe das Gutachten lediglich gefordert, dass der – demokratisch legitimierte – Staat einen Teil der Gestaltungmacht des Marktes übernehmen und sich erweiterte Partizipationsmöglichkeiten zusichern solle. Eine für Sommer dagegen ernst zu nehmende Kritik sei von Peter Strohschneider gekommen. In seinem Beitrag. „Die Politik der transformativen Wissenschaft“ mahnt Strohschneider an, dass das WBGU Gutachten die „Vergesellschaftung der Wissenschaft und die De-Politisierung der Gesellschafft“ vorantreibe. Einerseits würden darin außer-wissenschaftliche, normative Kriterien zur Bewertung von Wissenschaft herangezogen, andererseits würden gesellschaftspolitische Konflikte unter Rekurs auf die wissenschaftliche Expertise entschieden und damit die Diskussion abgekürzt. Sommer führt dagegen ins Feld, dass es schon immer außer-wissenschaftliche Ansprüche an die Wissenschaft gegeben habe, ebenso wie ein Spannungsverhältnis zwischen wissenschaftlicher Expertise und Demokratie. Das Gutachten habe viel zu einer politischen Kontroverse und Debatte beigetragen und könne deshalb als durchaus erfolgreicher erster Schritt in Richtung transformative Wissenschaft gesehen werden. Die Diskussion müsse nun aber kritisch weitergeführt werden.
In ihrem Vortrag zum „Stand und Entwicklung einer nachhaltigen und interdisziplinären Transformation im internationalen Vergleich“ setzte sich Prof. Dr. Anita Engels zunächst mit der Skepsis gegenüber dem Begriff der Transformationsforschung auseinander. Zum einen, so Engels, scheint hierin der politische Wunsch nach „Akzeptanzforschung“ ausgedrückt. Zum anderen scheint der Begriff vor allem strategisch und politisch benutzt zu werden, um sich im Wissenschaftsmarkt und dem ihn inhärenten Kampf um Aufmerksamkeit gut zu positionieren. Konzeptionell stecke im Begriff der Transformationsforschung allerdings vor allem die Abkehr von einem inkrementellen Ansatz gegenüber gesellschaftlichem Wandel. Der Transformationsbegriff verweise auf die Komplexität und Eigendynamiken gesellschaftlicher Wandelprozesse. Der (modernistischen) Vorstellung einer Planbarkeit würde damit eine Absage erteilt. Als Beispiel führte Engels die Transformation der Erwerbsarbeit an, welche ebenso mit Transformationsprozessen der Familienstrukturen, der Mobilitäts- und Konsumformen in Wechselbeziehung stehe. Einher ginge damit ein neues Steuerungsverständnis, das Leitbild der reflexiven Governance: Politik soll demnach positive Entwicklungen aus der Gesellschaft heraus aufnehmen und befördern, die Ziele aber nicht von vornherein vorgeben. Anstelle des gestaltenden Staats müsse ein flexibles und reflexives Mehrebenen-Governance-Regime stehen, das durch Experimente, Real-Labore und in der Gesellschaft verankerte Formen der Entscheidungsfindung und Wissensproduktion wirke. Die Aufgabe der Transformationsforschung sei es, entsprechende Gestaltungs- und Förderoptionen zu entwickeln, bzw. „transition enabling“-Steuerungsinstrumente. Am Beispiel eines gescheiterten Projekts zur Energiewende aus den Niederlanden (siehe hierzu Kern & Smith, 2008) verdeutlichte sie, dass gerade in der transdisziplinären Transformationsforschung viel stärker als bisher ExpertInnen für Konfliktmanagement und Kommunikation einbezogen werden müssen.

Transformationsforschung – Was ist das eigentlich?

Mit diesen Perspektiven ging es in die zweite Phase der Tagung über, in der die StipendiatInnen in drei Workshops zusammen mit Experten die Praxis in bestimmten Feldern der transformativen Forschung genauer beleuchten wollten. Im ersten Workshop ging Markus Wissen von der Hochschule für Wirtschaft und Recht (Berlin) auf die normative Dimension des Transformationsbegriffs ein und zeichnete seine Genese aus dem Nord-Süd-Verteilungskonflikt nach. Kontrovers in der Transformationsdebatte sei das Neutralitätsgebot der Wissenschaft, da es de-politisierend wirken und damit zur schleichenden post-politischen Entwicklung beitragen würde (siehe hierzu z.B. Swyngedouw, 2013). Als Schlussfolgerung des Workshops wurde deshalb mit Nachdruck auf die ungebrochene Notwendigkeit hingewiesen, gerade in der transformativen Forschung die eigenen normativen Standpunkte transparent darzustellen und zu diskutieren. Die eigene Normativität selbst sollte als Forschungsgegenstand miteinbezogen werden.
Im zweiten Workshop mit Lisa Pettibone vom Museum für Naturkunde in Berlin und Ulli Vilsmaier, Juniorprofessorin für transdisziplinäre Methoden an der Leuphana Universität Lüneburg, ging es um die praktische Einbeziehung von „Stakeholdern“ in den Forschungsprozess. Vilsmaier wies hierbei daraufhin, dass der Begriff „Stakeholder“ keineswegs wertneutral sei und deshalb gerade auch in seiner historischen Genese und seinen vielgestalteten Anwendungsbereichen kritisch reflektiert werden müsse. Sie betonte vor allem seine Verbindung via ‚holding a stake‘ zu ‚property‘ und ‚ownership‘ also zu Kapital- und Hegemonialdiskursen (siehe hierzu auch Mackey 2006). Lisa Pettibone hingegen vertrat hier einen pragmatischen Zugang. Egal ob man sein Tun als Stakeholderbeteiligung, Bürgerbeteiligung, Citizen Science oder ähnliches beschreibe, gute partizipative Praxis zeichne sich vor allem durch Transparenz, Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit aus. Wenn die Wissenschaft diese Rolle erfüllen solle, da waren sich die beiden einig, müsse dies aber auch entsprechend in der akademischen Welt honoriert werden. Bisher zähle als gute Wissenschaftlerin, wer viel publiziert.
Der dritte Workshop wurde von Florian Koch vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ) Leipzig zum Thema Transformationsforschung im urbanen Kontext geleitet. Im Fokus standen Legitimationsprobleme in der Stadtforschung. Allgemein stelle sich die Frage, wer und auf welche Weise die Ziele (stadt-)transformativer Entwicklung definiere. Die transformative Stadtforschung habe ferner ein wissenschaftliches Legitimationsproblem, insofern Studien häufig zu einzelnen, als isolierte Untersuchungsgegenstände betrachteten Städten gemacht würden. Wichtig sei, ausgehend vom Lokalen und bottom-up allgemeine Erkenntnisse zu produzieren.In der abschließenden Fishbowl-Diskussion im Plenum wurde der Transformationsforschung ein Theoriedefizit attestiert, welches sich nicht zuletzt in der schwammigen Abgrenzung zu anderen Forschungsschwerpunkten zeigen würde (z.B. zur Nachhaltigkeitsforschung). Die theoretische Weiterbildung solle im Cluster vorangetrieben und stärker die internationalen Diskurse und Perspektiven einbezogen und Bezüge zu zentralen Konzepten der Transformation -„leverage-points“ und „Mehrebenen-Governance“ hergestellt werden. Die Unterscheidung zwischen verschiedenen Wissensformen, wie Systemwissen (Was ist?), Zielwissen (Was soll?) und Handlungswissen (Wie?) könnte hierbei hilfreich sein. Für die inter- wie auch die transdisziplinäre Zusammenarbeit sei die Entwicklung und Verbreitung einer gemeinsamen Sprache entscheidend.

Lebendiges Forschungscluster mit transformativem Anspruch, aber

Abschließend sei bemerkt, dass das Cluster Transformation als ambitioniertes Projekt gestartet ist und über die Promotionsförderung hinausgehen sollte. Die StipendiatInnen des Clusters profitieren von eigenen Veranstaltungen, mehr Aufmerksamkeit und einer stärkeren Vernetzung als es bei den anderen PromotionsstipendiatInnen der Heinrich Böll-Stiftung der Fall ist. Es gibt vielfältige Impulse aus dem Cluster heraus für die Zusammenarbeit mit anderen Initiativen, zu gemeinsamen Publikationen und einer eigenen Internetpräsenz. Es gibt den Willen, als Cluster einen Beitrag zur Transformationsforschung zu leisten. Hier ist aber die Stiftung gefragt, die entsprechende Unterstützung zu gewähren und gemeinsam mit den StipendiatInnen Ziele für das Cluster zu formulieren. Der Wille der StipendiatInnen besteht, aber allein mit dem persönlichen Engagement der vielfach eingebundenen und über gesamt Deutschland verstreuten Promovierenden ist die Umsetzung kaum zu bewerkstelligen. Die Weiterentwicklung des ExpertInnen-Netzwerks und die weitere Vernetzung mit den Kooperationspartnern geht in die richtige Richtung. Wichtig wäre die Entwicklung einer gemeinsamen Vision und ihre systematische Verfolgung, um der schwierigen und zeitintensiven Aufgabe der Besetzung und Formung eines neuen Wissenschaftsfeldes mitsamt seinen methodischen, theoretischen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen zu begegnen. Hieran wird sich die Heinrich Böll-Stiftung und ihr Transformationscluster in der Zukunft messen lassen müssen, ob sie dem Selbstanspruch als Vorreiterin der Transformationsforschung gerecht geworden ist, oder eher als Trittbrettfahrerin der transformativen Wissenschaftsbewegung angesehen werden muss.