Degrowth Conference Budapest 2016 – Rückblick

Posted by on Okt 10, 2016 in BLOG
Degrowth Conference Budapest 2016 – Rückblick

degrowth_conference_budapest_20161Vom 30. August bis 2. September 2016 fand an der Corvinus-Universität Budapest die fünfte internationale Degrowth- (bzw. Postwachstums-) Konferenz statt. Nach der stetigen Expansion in den vergangenen Jahren (Paris 2008 – 140 Teilnehmende, Barcelona 2010 – 400 Teilnehmende; Montreal/Venedig 2012 – insgesamt 1340 Teilnehmende; Leipzig 2014 – 3000 Teilnehmende) – verbunden mit einer lebhaften Debatte über das Wachstum der Postwachstumsbewegung – schreiben sich die OrganisatorInnen der diesjährigen Konferenz das Motto small is beautiful and meaningful auf die Fahnen. Entsprechend wurde das Ausmaß der Konferenz ein Stück weit zurückgefahren, so dass sich etwa 600 WissenschaftlerInnen und AktivistInnen an dieser beteiligten. Zugleich wurde mit der Wahl auf Budapest eine Brücke zu bedeutenden Vordenkern der Bewegung geschlagen. Allen voran sei hier der Wirtschaftssoziologe Karl Polanyi genannt, der in Budapest Jura und Philosophie studierte und mit seinem erstmals 1944 erschienenem Werk The Great Transformation wichtige theoretische Impulse für die heutige Degrowth-Szene liefert.

Grundsätzlich vereint die Degrowth-Bewegung das Anliegen, Pfade hin zu einer ökologisch nachhaltigeren und sozial gerechteren Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung fernab eines noch immer stark verankerten Wachstumsparadigmas offenzulegen. Über die notwendigen Ansatzpunkte, möglichen Strategien wie auch die aufgegriffenen Analyseebenen besteht dabei allerdings eine große Vielschichtigkeit, was sich nicht zuletzt in dem breitgefächerten Programm der Konferenz widerspiegelte. So wurden die Präsentationen entlang zwölf übergeordneter Themencluster organisiert, die von Exit from growth ≠ exit from capitalism? über New forms of democracy and new institutions bis hin zu Empowering communities reichten und durch übergreifende Subkategorien wie Commons, Energy, Work und Gender bereichert wurden. Bei der Themensetzung wurde hierbei an die Diskussionsstränge der 2014er Konferenz in Leipzig angeknüpft, auch um der bisher noch sehr offen geführten Debatte darüber, für was Degrowth eigentlich genau steht, einen gewissen roten Faden zu geben.

Vor dem Hintergrund der großen thematischen Bandbreite verwunderte es daher auch nicht, dass das Eröffnungsplenum unter dem Titel Connecting the dots of degrowth zunächst darauf abzielte, einen Überblick über die verschiedenen thematischen Strömungen wie auch die weltweite Verteilung der Bewegung zu geben. Dabei hat sich angedeutet, dass die unter dem Begriff Degrowth gefasste Debatte nicht zuletzt im (west-) europäischen Kontext geführt wird, wobei hier aus kritischen Gesichtspunkten die Frage aufgeworfen werden kann, inwieweit erst ein gewisser Wohlstand die Pforten dazu eröffnet, über so etwas wie Degrowth nachzudenken. Allerdings ist auch festzuhalten, dass zahlreiche (zum Teil bereits deutlich länger bestehende) alternative Strömungen und Denkansätze aus anderen Teilen der Welt große Beachtung in der Community finden. Genannt sei hier beispielsweise das in Lateinamerika geprägte Konzept des Buen Vivir (u.a. nach Alberto Acosta), welches sich dem Streben nach materiellem Reichtum entzieht und das gemeinschaftliche Zusammenleben im Einklang mit der Natur und unter Wahrung kultureller Identitäten in den Vordergrund rückt.

Programmatisch war die Konferenz so strukturiert, dass in den Morgenstunden Keynote-Vorträge renommierter WissenschaftlerInnen den jeweiligen Tag entlang eines Themas eröffneten, woraufhin diese im Tagesverlauf in dezentralen Formaten (kurzen Präsentationen, Diskussionsrunden) vertieft wurden. So widmete sich der an der Wirtschaftsuniversität Wien lehrende Ökonom Clive Spash vorrangig den Themen Green Growth und der Kommodifizierung von Naturressourcen, wobei er diese als Ideologie einer politischen und wirtschaftlichen Elite demaskierte, die letztlich der Akkumulation von Kapital und Macht eben jener diene und die ökologischen und sozialen Krisen unserer Zeit eher verstärke als vermindere. Sehr inspirierend gestaltete sich auch der Vortrag von Barbara Muraca von der Oregon State University, die sich an einer Rekonstruktion des Wachstumsparadigmas versuchte und dabei feststellte, dass ein Ausweg aus diesem innerhalb des kapitalistischen Systems aufgrund vielsichtiger hegemonialer Verankerungen und struktureller Abhängigkeiten nicht ohne weiteres möglich sei. Stattdessen plädierte sie für „Degrowth beyond Capitalism“, womit sie eine radikale Transformation verschiedener gesellschaftlicher Institutionen und Praktiken meint. Eine zentrale Rolle spielt für sie dabei die Reorganisation der Produktion und des Konsums hin zu lokalen, partizipativen und solidarischen Formen.

In den vergangenen Jahren hat sich etabliert, dass Degrowth-Konferenzen neben dem wissenschaftlichen Austausch und der Vernetzung innerhalb der Fachcommunity auch den Anspruch erheben, entsprechende Themen einer breiteren Öffentlichkeit mittels praxisnaher Beispiele vor Ort zugänglich zu machen. So wurde in Budapest die eigentliche Konferenz um eine Degrowth Week ergänzt, die aus einem vielfältigen Programm aus Ausstellungen, Workshops, Diskussionsrunden, Performances, Filmvorführungen und Konzerten an verschiedenen – dem Degrowth-Gedanken nahestehenden – Orten der Stadt bestand.

Einblicke sowohl in die Degrowth-Konferenz wie auch in das Programm der Degrowth-Week sind hier zu finden. Die zentralen Vorträge sind darüber hinaus als Streams verfügbar.